Geschichte und Entstehung des Wing Chun Kung-Fu

Über die Entstehung von Wing Chun Kung-Fu gibt es verschiedene Überlieferungen. Laut einer populären Version begann alles vor etwa 270 Jahren in einem Kloster am Berg Sung in der zentralchinesischen Provinz Honan. Es war die Regierungszeit der Kanghsi aus der Ching-Dynastie. Die kämpferischen Fähigkeiten der Mönche dieses Klosters hatten einen beneidenswerten Ruf – in verschiedensten Stilen der Kampfkünste. Die Regierungstruppen unternahmen mehrere erfolglose Versuche, das Kloster zu zerstören. Erst durch Verrat erreichten sie ihr Ziel, und das Kloster wurde bis auf die Grundmauern zerstört.

Die Überlebenden zerstreuten sich durch das ganze Land. Unter ihnen befanden sich bedeutende Meister, teils mit  ihren Schülern, teils allein: Die buddhistische Nonne Ng Mui (Wu Mei), Meister Fung Do Tak, Meister Chi-Sin, Meister Miu Hin und Meister Pak Mei.

Diese Meister hatten schon im Kloster begonnen, neue Techniken und Formen des Kämpfens zu entwickeln um, sich gegen Angriffe durch Verräter zu schützen. Ng Mui flüchtete in den Tempel «Weisser Kranich» am Fusse des Tai Lung-Berges an der Grenze der Provinzen Yunnan und Szechuan. Ihr Wunsch war es, ein System zu entwickeln, das den bislang bekannten Kampfsystemen überlegen war. Dazu inspiriert wurde sie durch die Beobachtung eines Kampfes zwischen einem Kranich und einer Schlange (manchmal auch: zwischen Kranich und Fuchs): Der Kranich lenkte – mit seiner Brustseite zentral auf den Angreifer ausgerichtet – die Angriffe durch seine Flügel um und führte mit dem Schnabel geradeaus gerichtete Konterangriffe aus. (Eine ganz ähnliche Geschichte erzählt man sich übrigens auch über die Entstehung von Bai He Quan, das White Crane-Boxing aus Fatshan.)

Zu dieser Zeit begegnete Ng Mui am Fuss des Tai Lung Berges der jungen Yim Wing Chun, die auf die Ankunft ihres Verlobten wartete, aber immer wieder von einem Banditen bedrängt wurde, ihn zu heiraten. Die Nonne Ng Mui bot der jungen Frau an, sie in diesem neuen Kampfsystem zu unterweisen. Nach einiger Zeit des Übens forderte Yim Wing Chun den Banditen zu einem Zweikampf heraus: Falls er sie besiegte, würde sie seine Frau. Der Bandit wurde zu seinem Erstaunen von Yim Wing Chun mühelos geschlagen und innert kürzerster Zeit kampfunfähig gemacht.

Der Legende nach war Yim Wing Chun die erste Schülerin von Ng Mui, die dieses neue Kampfsystem siegreich umsetzen und erproben konnte. Sie musste ihrer Lehrerin versprechen, die Kampfkunst niemals an Anhänger der Ching-Dynastie weiterzugeben, aber dafür die Angehörigen der Ming zu unterstützen: «Destroy the ching, restore the ming!» Yim Wing Chun heiratet ihren Verlobten Leung Bok Chow und unterwies ihn in diesem – bis dahin völlig unbekannten – Kampfsystem. Zur Ehren seiner Frau benannte er dieses Kampfsystem Wing Chun Kung-Fu.

Leung Bok Chow gab die Kunst des Kämpfens an Leung Lan Kwai weiter. Dieser unterrichtete Wong Wah Bo, der wiederum Mitglied der Opernschaugruppe Rote Dschunke war, die an Bord einer Dschunke lebte und Anfang bis Mitte des 18. Jahrhunderts aktiv war. Unter ihren Mitgliedern war auch Leung Yee Tai, der die Langstockform (Luk Dim Bun Guan – Six and a half Point Pole),vom Koch der Schiffes erlernt hatte. Dieser Koch war kein anderer als Meister Chi Shin aus dem Kloster am Berg Sung. Der freundschaftliche Austausch zwischen Wong Wah Bo und Leung Yee Tai führte zur Aufnahme der Langstockform-Techniken in das Wing Chun Kung Fu. Man nimmt an, das zu dieser Zeit auch die Techniken der Holzpuppen- (Mok Yang Chong) und der Doppelmesser-Form (Bart Cham Dao, Shuang Dao, Eight Cutting Knives) in das System aufgenommen wurden.

Leung Yee Tai gab die Kunst an Leung Yan weiter, der ein bekannter Arzt in Fatshan war. Leung Yan wurde von vielen Kämpfern herausgefordert, doch keiner war im Stande, ihn zu besiegen. Man nannte ihn Yongchunwang: König des Wing Chun. Ausser seinen beiden Söhnen Leung Bik und Leung Tsun unterrichte er nur wenige Schüler. Darunter Chan Wah Sun.

Chan Wah Sun war ein hitziger, temperamentvoller Kämpfer, der mit seiner ungestümen Art viele spektakuläre Siege errang. Leung Bik hingegen, der älteste Sohn von Leung Yan, war bekannt für das genaue analysieren der Techniken und Kampfstrategien – sowie für seine taktilen Fähigkeiten in der direkten Anwendung. Leung Bik ging nach Hong Kong und Chan Wah Sun blieb in Fatshan. Chan Wah Sun unterrichtete wegen seinen hohen Trainingsgebühren nur wenige Schüler. Zu erwähnen sind: Ng Chung So, Ng Siu Lo, Chan Yu Min, Lui Yiu Chai und Yip Man.

Yip Man studierte Wing Chun unter Chan Wah Sun in Fatshan – zwei Jahre bis zu dessen Tod. Er lernte weitere drei Jahre bei Ng Chung So, Chan Wah Suns ältesten Studenten. Mit 16 Jahren verliess Yip Man Fatshan und ging in Hong Kong in die St.Steven Schule für Knaben. Er war zu dieser Zeit eher ein Unruhestifter und ständig in Kämpfe verwickelt. Ein Klassenkamerad schlug ihm vor, gegen einen schon älteren Wing Chun-Lehrer anzutreten. Yip Man wurde von diesem älteren Mann mühelos geschlagen und erbat Unterricht von ihm. Dieser alte Wing Chun Lehrer war kein anderer als Leung Bik, bei dem auch Yip Mans Sifu Chan Wah Sun Wing Chun Kung Fu erlernt hatte.

Yip Man wurde so von unterschiedlichen Temperamenten in seinem Wing Chun-Studium beeinflusst und geprägt: Dynamisch offensiv und analytisch strategisch. Wohl das machte Yip Man später zum wichtigsten Halter dieser Kunst.

Schliesslich verliess Yip Man Hong Kong und ging zurück nach Fatshan – das jetzt von den Japanern besetzt wurde. Die japanische Militärpolizei wollte Yip Man wegen seiner kämpferischen Fähigkeiten als Ausbilder gewinnen. Er lehnte aber ab. Ein von den Japanern engagierter Kung Fu-Kämpfer forderte ihn mehrmals heraus, bis Yip Man in den Kampf einwilligte und seinen Gegner mit Leichtigkeit besiegte. Daraufhin musste er Fatshan verlassen und blieb bis zum Rückzug der Japaner in Hong Kong. Dann kehrte er zurück nach Fatshan, um Karriere als Ermittler bei der dortigen Polizei zu machen. Schon damals verbrachte sein Neffe, Sifu Lo Man Kam, viel Zeit bei ihm.

1949 wurde China kommunistisch: Abermals musste Yip Man mit seiner Familie Fatshan verlassen. In Hong Kong begann er im Hinterzimmer eines Restaurants zu unterrichten. Zu seinen Schüler gehörten Leung Shung, Lok Yiu, Lee Man und Lo Man Kam. Yip Man eröffnet den «Fu Shan Wing Chun Club» an der Hai Tan Street. Hier kamen Yip Bo Ching, Tsui Sung Ting, Wang Kiu und Chiu Yau hinzu. Hier wurden auch Wong Shung Leung und William Cheung aufgenommen. Abermals musste die Schule umziehen an die Lee Tat Street – und von dort weiter in das Shin Yip-Building. Dort wurde ihm von William Cheung Bruce Lee vorgestellt und als Schüler aufgenommen.

Yip Man lebte und unterrichtete in Hong Kong bis zu seinem Tod im Jahre 1972.

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